Drei Muscheln im Sand ineinander verschachtelt. Im Hintergrund die Ostsee.

Höher, Schneller, Weiter vs. Bewusster, Tiefer, Nachhaltiger

In den sozialen Medien ist mir ein Post mit folgenden Inhalt über den Weg gelaufen:

Das Problem ist nicht: „Höher, schneller, weiter!“.
Das Problem ist: „Ich zuerst!“, „Alles meins!“ und „Mir doch egal!“

In meinen Augen bedingt das Eine hier das Andere. Das Eine kann ohne das Andere nicht existieren. Zumindest nicht aus der Sicht des Höher, Schneller, Weiter.

Meine Gedanken dazu, mit der Absicht, Bestehendes zu hinterfragen und auch aus der Sicht eines Tiefer, Bewusster, Nachhaltiger:

„Ich zuerst!“

Wenn die Grundeinstellung eines Menschen „Ich zuerst!“ ist, sehe ich das zunächst aus mindestens zwei verschiedenen Punkten:

  • Egoismus – „Ich bin wichtiger als du und alle anderen.“
  • Nächstenliebe – „Ich bin wichtig und du bist wichtig. Wenn es mir gut geht, geht es auch dir gut.“

Wie viele Menschen haben Angst, sich selbst an erste Stelle zu setzen, sich wahrhaftig selbst zu leben und zu lieben – aus Angst davor, von der Gesellschaft als egoistisch abgestempelt und ausgegrenzt zu werden? Viele. Sehr viele. Zu viele.

Und dabei heißt es selbst im Flugzeug: Setz dir zuerst die Sauerstoffmaske auf und hilf dann den anderen. Mit dem Hintergrund, dass du nur helfen kannst, wenn es dir gut geht.

Einer meiner Grundsätze ist zum Beispiel, dass ich alles, was ich tue, immer am Wohle aller Wesen ausrichte. Manchmal weiß ich zwar nicht, welche Entscheidung ich jetzt treffen sollte, damit sie zum Wohle aller Wesen ist.
Dann vertraue ich einfach darauf, dass ich im Grunde meines Wesens eine gutherzige und liebende Frau bin und meine Entscheidung immer zum Wohle aller Wesen sein wird. Auch dann noch, wenn es auf den ersten Blick anders aussehen mag und alles quer zu laufen scheint.

In Bezug zum Höher, Schneller, Weiter ist es ganz klar der Egoismus, der hier zum Vorschein kommt: Ich kann höher als du. Ich bin schneller als du. Ich kann weiter als du.

Und wie ist es mit „Ich zuerst!“ aus der Sicht des TIEFER, BEWUSSTER, NACHHALTIGER?

Die Nächstenliebe würde hier wohl sagen:

  • „Ich kann hoch und du kannst hoch.“
  • „Ich bin am schnellsten und du bist am schnellsten – jedeR so, wie es gerade möglich ist.“
  • „Ich bin weit und du bist weit – vielleicht kommen wir gemeinsam noch weiter.“

„Alles meins!“

Was kann hinter dieser Haltung stecken? Wozu will ein erwachsener Mensch nicht teilen?

  • Es ist so wenig da, davon kann ich jetzt unmöglich auch noch etwas abgeben.
  • Die Angst, zu kurz zu kommen.
  • Die Angst, zu wenig zu bekommen.

Interessanter Weise geben meist vor allem die Menschen gern, die wenig haben. Und das völlig uneigennützig.

Und was hat „Alles meins!“ mit Höher, Schneller, Weiter zu tun?
Wenn ich höher bin als du, schneller bin als du und weiter bin als du – dann kannst du mir niemals so nahe kommen, als dass du etwas von mir haben wollen würdest. Dann ist der Abstand zwischen uns so groß, dass wir auf verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen gesehen und bewertet(!) werden

Und wie ist es mit „Alles meins!“ aus der Sicht des TIEFER, BEWUSSTER, NACHHALTIGER?

Gibt es ein gesundes „Alles meins!“?
In meiner Welt nicht.

„Alles meins!“ gründet auf Angst. Angst davor, zu wenig zu haben oder zu wenig zu sein. Und das wiederum gründet auf zu wenig Selbstwert. Diese Form der Abgrenzung dient also dem Selbstschutz. Selbstschutz als Form der Überheblichkeit und der Arroganz.

„Mir doch egal!“

Diese Aussage lässt sehr viel Interpretationsspielraum zu.
Ich entscheide mich hier dafür, den Laissez Faire Stil mit rein zu nehmen. Denn der wird oft als „Mir doch egal“ interpretiert – meist von Menschen, die ein starres Konstrukt aus Anweisungen und Regelungen benötigen, um in dieser (alten) Welt zu funktionieren.

Da werden RegelverstoßerInnen oft mit unschönen Worten angesprochen. Mit der Überheblichkeit eines oder einer Allwissenden. Frei nach dem Motto: ICH einzig und allein weiß, was richtig ist, wie es geht und was hier zu tun ist. Und das sage ich dir jetzt auch. Und beim nächsten Mal hältst du dich auch an diese Regeln!

Das Menschen, die sich nicht vorschriftsmäßig und nach Regelwerk verhalten, oftmals einen persönlichen Grund haben, warum sie diese Handlung jetzt so vollziehen, kommt den selbst ernannten RichterInnen gar nicht in den Sinn.

Warum ich sie „selbsternannte RichterInnen“ nenne? Weil sie genau das tun: Sie richten über das Verhalten eines anderen Menschen und stellen ihre Ansicht als die einzig Wahre dar.

Und wie ist „Mir doch egal!“ aus der Sicht des TIEFER, BEWUSSTER, NACHHALTIGER?

Du bist ok und ich bin ok. (Kleiner Methodeneinblick am Rande: So würde es auch die Transaktionsanalyse nennen.)

Für das, was du tust, hast du einen triftigen Grund. Sonst würdest du es nicht tun.

Und wenn ich mich jetzt über dein Verhalten aufrege, schade ich mir und dir.

Vielleicht biete ich dir meine Unterstützung an und frage dich, ob ich dir in deiner Situation irgendwie behilflich sein kann, damit du schneller aus der unpässlichen Situation heraus kommst. Mehr nicht.

Und ja, dieses Verhalten kann von regelkonformen und stets vorschriftsmäßig handeln wollenden Menschen als „Mir doch egal!“ interpretiert werden.

Doch in meiner Welt des Freidenkens werden es diese Menschen zukünftig immer schwerer haben. Ihre Unzufriedenheit wird wachsen und das Gefühl, dass die Welt sich immer mehr aus den Angeln hebt, wird stärker und stärker.

Denn das, was ihnen Halt gibt – das Außen – verliert mehr und mehr an Bestand. So, wie sie es gewohnt sind, funktioniert die Welt nicht mehr. Und was liegt da näher, als mein Gegenüber für mein eigene Unsicherheiten verantwortlich zu machen?

Mit aller Macht versuchen sie, die Anderen dazu zu bewegen, sich ebenfalls an das gewohnte Außen zu halten. Denn schließlich gibt ihnen das Halt. Und sie können nicht verstehen, wie sich ein anderer Mensch nur erdreisten kann, daran zu rütteln, was ihnen Halt gibt.

Die Idee, den Halt in sich selbst zu finden, ist ihnen fremd. Und doch ist das der einzige Ort, wo jeder Mensch wahrhaftigen Halt erfahren kann.

Und dann ist es tatsächlich egal, was im Außen passiert.

Dann ist sie da, die Innere Sicherheit. Und das tiefe Innere Wissen:

So wie es ist, ist es gut.

Zugegeben: Diese Worte zu sagen, dazu gehört Mut. So wie es ist, ist es gut.

Wo bleibt da das Wachstum? Höher.
Was mache ich ohne Wettbewerb? Schneller. Weiter.

Und wie kann etwas gut sein, wenn es nicht dem entspricht, was mein erlerntes Regelwerk mir vorgibt?

Du bist dran!

Und genau jetzt bist du an der Reihe! Du bist an der Reihe, dein eigenes Regelwerk zu hinterfragen. Denn die Anderen kannst du nicht ändern, du kannst nur dich selbst ändern.

Frag dich selbst, wozu dir deine Regeln dienen. Zur Sicherheit? Zum Schutz? Zur Abgrenzung?

Und was passiert, wenn andere sich nicht an deine Regeln halten?

Auf wessen Kosten passiert es?

Auf Kosten deines Glücks?! Auf Kosten deines Glücklichsein. Des dauerhaft erfahrenen Glücklichseins – aus deinem Inneren heraus. Einfach weil alles stimmt – Familie, Freunde, Partnerschaft, Monetär, Sexualität, …

Welcher Bereich in deinem Leben ist bereits erfüllt von diesem Glücklichsein?

Und was wäre, wenn alle Bereiche deines Lebens so erfüllt wären?

Wäre dann nicht tatsächlich alles Andere weitestgehend egal?

Mein Fazit

Wir brauchen kein Höher, Schneller, Weiter.

Höher, schneller, weiter geschieht aus Angst und führt zu Abgrenzung,

Für ein neues Miteinander brauchen wir Tiefer, Bewusster und Nachhaltiger.

Jeder Mensch, welcher Sicherheit dadurch erfährt, in seiner Tiefe verwurzelt zu sein, kann gar nicht anders, als bewusst zu handeln und somit nachhaltig zum Wohle aller Wesen beizutragen.

Und selbstverständlich hat das Wohl aller Wesen immer auch das eigene Wohl im Sinn. Es hat zuallererst das eigene Wohl im Sinn – wenn dieses Wohl dem Wohle aller Wesen zu Grunde liegt.

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