Gott, Göttin, Quelle, Materie, ewige Energie – das hermetische THE ALL
Es gibt Bücher, die seit über hundert Jahren im Umlauf sind – und in in all den Jahren nichts von ihrer Kraft verloren haben. „The Kybalion“, 1908 erschienen und heute frei zugänglich über das Project Gutenberg (englisch) oder als PDF (deutsch), ist eines davon. Ein schmales Werk, anonym veröffentlicht unter dem Pseudonym „Three Initiates“, das die Grundprinzipien der hermetischen Philosophie in einer Sprache zusammenfasst, die sich wie ein Schlüssel für ein bewussteres Leben anfühlt.
Was du im Folgenden liest, ist keine wörtliche Übersetzung dieses einen Abschnitts. Es ist eine freie, sinngemäße Übertragung. Das Original bleibt die Quelle, meine Version will eine Brücke sein.
Entstanden ist dieser Text aus meinem Artikel über die sieben hermetischen Gesetze – der Grundlage, auf der das Kybalion aufbaut. The ALL bildet die Grundlage des ersten Gesetzes „THE ALL IS MIND“.
Im Mittelpunkt steht eine einzige, große Frage – die Frage nach dem, was wirklich ist. Was liegt hinter allem, was du siehst, denkst und fühlst? Was trägt die Welt, während die Welt sich ständig verändert? Die Hermetik hat eine Antwort darauf.
Hinweis. Im Kybalion ist die Rede von MIND. Oft wird es mit „Geist“ übersetzt – es gibt jedoch kein deutsches Wort, das der Bedeutung des englischen Wortes „mind“ wahrhaftig entspricht. Deshalb habe ich in meinem Text das englische Wort „mind“ (sprich meind) beibehalten.
Das Mind des Menschen ist das, was im Menschen denkt und fühlt. Unter dem MIND DES ALL ist jener Aspekt des All zu verstehen, in dem das All denkt und fühlt. Das im Deutschen gebräuchliche MENTAL ist das Adjektiv vom Substantiv Mind.
Hinter allem Wandel: Was THE ALL wirklich ist
Unter allem, was du als Welt erlebst – unter Zeit, Raum, Materie, Energie, Gedanken, Gefühlen – liegt eine einzige, grundlegende Wirklichkeit, die nicht kommt und geht, sondern einfach ist. Die Hermetik nennt sie „THE ALL“. Und schon der erste Blick macht das Wesentliche deutlich: Alles, was du siehst, ist Veränderung, Bewegung, Werden und Vergehen. Nichts bleibt, alles schwingt, alles fließt. Gerade weil alles, was du beobachten kannst, vergänglich ist, muss es etwas geben, das nicht vergänglich ist – etwas, das all diese Erscheinungen trägt.
„Under, and back of, the Universe of Time, Space and Change, is ever to be found The Substantial Reality—the Fundamental Truth.“
Die nüchterne Ausgangslage: Nichts bleibt, alles wird
Der Ausgangspunkt ist eine schlichte Beobachtung, die du selbst jederzeit machen kannst: In der Welt, die dir begegnet, steht nichts wirklich still. Dinge entstehen, wachsen, erreichen einen Höhepunkt, verfallen und verschwinden. Körper, Formen, Zustände, sogar deine Gedanken und Gefühle – alles unterliegt dem Gesetz des Rhythmus: Aufstieg und Abstieg, Aufbau und Zerfall, Ein- und Ausatmen des Daseins.
Nichts im Bereich der Erscheinungen ist wirklich im dauerhaften Sinne – alles wird. Es ist im Prozess, im Übergang. Sobald etwas seinen Höhepunkt erreicht, beginnt bereits der Abstieg. Geburt, Wachstum, Reife, Verfall, Tod – dieser Zyklus gilt für alles, was du beobachten kannst, ausnahmslos.
Wer ernsthaft darüber nachdenkt, erkennt: Wenn sich alles, was ich sehe, ständig verändert, kann es nicht die letzte, unveränderliche Realität sein. Es muss etwas geben, das all diese Veränderungen ermöglicht, ohne selbst von ihnen erfasst zu werden – eine tragende Wirklichkeit, eine „Substantial Reality“.
Warum THE ALL notwendig ist
Alle ernsthaften Philosophien haben unter verschiedenen Namen eine grundlegende Wirklichkeit angenommen, die hinter allen Erscheinungen steht. Manche nennen sie Gott, andere „unendliche und ewige Energie“, wieder andere schlicht Materie oder einfach die Quelle. Doch unabhängig vom Namen ist die Idee dieselbe: Es muss etwas geben, das nicht bloß Erscheinung ist, sondern das, was Erscheinungen überhaupt erst möglich macht.
Dabei lohnt es sich, die Begriffe scharf zu fassen:
Substanz meint das, was allen äußeren Erscheinungen zugrunde liegt – das Wesentliche, das Ding an sich. Substanziell bedeutet: tatsächlich existierend, wirklich, nicht nur scheinbar. Realität bezeichnet den Zustand des Wirklichseins – das, was wahr, dauerhaft, gültig und tatsächlich ist, das was du als Individuum wahrnimmst.
Aus dieser Perspektive ist alles, was du siehst, nur Ausdruck, Form, Oberfläche. Dahinter muss etwas stehen, das nicht selbst bloß Form ist. Die Hermetik entscheidet sich, diese grundlegende Wirklichkeit „THE ALL“ zu nennen, weil dieser Begriff am umfassendsten ausdrückt, dass es nichts außerhalb davon geben kann. THE ALL ist nicht ein Ding unter anderen – es ist das, was alles umfasst.
Das Unbegreifliche: Demut vor THE ALL
Ein zentraler Punkt, der nie aus den Augen verloren werden sollte: Die innere Natur von THE ALL ist für deinen Verstand unbegreiflich. Nur THE ALL selbst kann seine eigene Natur wirklich erkennen. Alle Versuche von Theologen und Metaphysikern, das Innere von THE ALL zu beschreiben, sind kindliche Versuche, das Unendliche in die engen Kategorien menschlichen Denkens zu pressen.
Wer versucht, das Wesen von THE ALL „auszudenken“, verstrickt sich in endlosen Gedankenschleifen, verliert den Bezug zum Leben und endet dort, wo er angefangen hat – wie ein Eichhörnchen im Laufrad. Reine Spekulation über das Unbegreifliche führt nicht zu Weisheit, sondern in Verirrung.
Noch problematischer wird es, wenn Menschen THE ALL menschliche Eigenschaften zuschreiben: Eifersucht, Bedürfnis nach Lob, Wunsch nach Opfergaben, Launen, persönliche Vorlieben. Solche Vorstellungen sind Überreste der „Kindheit der Menschheit“ – Projektionen des menschlichen Egos auf das Unendliche. Damit wird THE ALL auf das Niveau eines übergroßen Menschen reduziert, was seiner Größe nicht im Ansatz gerecht wird.
Religion, Theologie, Philosophie, Metaphysik – was wirklich trägt
Eine Unterscheidung, die klarer macht, worum es geht:
Religion ist die intuitive Erkenntnis, dass THE ALL existiert und dass du in Beziehung dazu stehst. Wichtig: Es geht um unmittelbare innere Gewissheit, nicht um religiöse Dogmen.
Theologie hingegen versucht, THE ALL Eigenschaften, Absichten und Emotionen zuzuschreiben und sich als Vermittler zwischen THE ALL und den Menschen aufzuspielen.
Philosophie sucht nach Wissen über Dinge, die tatsächlich erkennbar und denkbar sind.
Metaphysik versucht, über die Grenzen des Erkennbaren hinauszugehen und über das zu spekulieren, was per Definition nicht erkennbar ist.
Religion und Philosophie sind in der Realität verwurzelt. Theologie und Metaphysik dagegen wirken wie gebrochene Schilfrohre – instabile Stützen, die dem Mind keinen sicheren Halt geben.
Was bleibt, ist das, was die Vernunft über THE ALL tatsächlich sagen kann – ohne zu behaupten, das Unbegreifliche selbst zu durchdringen.
Was die Vernunft erkennen kann
Obwohl das Wesen von THE ALL unbegreiflich bleibt, gibt es bestimmte Aussagen, zu denen die menschliche Vernunft fast gezwungen ist, wenn sie konsequent denkt.
THE ALL ist alles, was wirklich ist.
Es kann nichts außerhalb von THE ALL geben. Wenn es etwas außerhalb gäbe, wäre THE ALL nicht „alles“, sondern nur ein Teil. Also: Alles, was wirklich ist, ist in THE ALL enthalten. Es gibt keine zweite, unabhängige Wirklichkeit neben ihm.
THE ALL ist unendlich.
Es muss unendlich sein, weil es nichts gibt, was es begrenzen könnte. In der Zeit muss es immer existiert haben – aus einem absoluten Nichts kann nichts entstehen, und wenn es jemals nicht existiert hätte, könnte es jetzt nicht existieren. Im Raum muss es überall sein, denn es gibt keinen „Ort außerhalb“ davon. In der Macht ist es absolut, weil es keine andere Macht gibt, der es unterworfen wäre.
THE ALL ist unveränderlich.
Es gibt nichts außerhalb von THE ALL, das auf es einwirken und es verändern könnte. Es gibt nichts, in das es sich verwandeln könnte, denn es gibt nichts anderes. Es kann weder größer noch kleiner werden. Alles, was sich verändert, kann daher nicht THE ALL selbst sein – sondern nur Erscheinung, Ausdruck, Manifestation.

Das Paradox: Wenn THE ALL unveränderlich ist – was ist dann die Welt?
Hier entsteht ein scheinbarer Widerspruch, dem du direkt ins Auge schauen musst:
THE ALL ist unendlich, ewig, unveränderlich. Die Welt, die du erlebst, ist endlich, vergänglich, veränderlich. Wie kann eine unveränderliche, absolute Wirklichkeit eine Welt hervorbringen, die voller Veränderung ist?
Die Antwort, die sich andeutet: Die endlichen Dinge sind in Wahrheit „nichts“ im Vergleich zu THE ALL – nicht im Sinne von „nicht existent“, sondern im Sinne von: Sie haben keine eigenständige, absolute Realität. Sie sind Erscheinungen, nicht das Fundament. Wie genau das Endliche im Unendlichen „stattfindet“ – das ist eine Frage, die eine tiefere Ausführung verlangt. Doch der Rahmen steht bereits: Was du siehst, ist Oberfläche. Was trägt, ist unsichtbar.
THE ALL ist nicht Materie
Ist THE ALL vielleicht einfach Materie? Die Antwort ist klar: Nein. Materie ist veränderlich, zusammengesetzt, begrenzt. Aus sich heraus kann Materie weder Leben noch Bewusstsein hervorbringen. Ein grundlegendes Prinzip gilt hier: Nichts kann höher sein als seine Ursache. Wenn die Ursache nur tote Materie wäre, könnten Leben und Mind nicht als Wirkung daraus entstehen.
Dazu kommt: Die moderne Wissenschaft hat das klassische Materieverständnis längst aufgegeben. Materie wird heute eher als eine Form von Energie oder Schwingung verstanden – Energie in niedriger Frequenz. „Matter has melted into Mystery“, schrieb ein Autor. Materie ist also selbst nicht die letzte Erklärung, sondern bereits etwas zutiefst Rätselhaftes.
THE ALL ist nicht blinde Energie
Wenn THE ALL nicht Materie ist – ist es dann Energie oder Kraft? Auch hier lautet die Antwort: nicht im Sinne der materialistischen Wissenschaft. Die Energie, von der Materialisten sprechen, ist blind, mechanisch, ohne Bewusstsein. Aus etwas rein Mechanischem kann weder Leben noch Mind entstehen. Wieder gilt: Nichts kann höher sein als seine Quelle. Wenn die Quelle nur blinde Kraft wäre, könnten Bewusstsein, Intelligenz und Empfindung nicht daraus hervorgehen.
Du denkst gerade über diese Fragen nach. Das ist ein unbestreitbares Faktum. Also muss die Quelle von allem mehr sein als blinde Energie.
Was bleibt: Leben und Mind
Wenn weder Materie noch blinde Energie die letzte Wirklichkeit sein können, bleibt eine einzige Kategorie: Leben und Mind– in all ihren Abstufungen und Ausdrucksformen. Vom einfachsten Lebensimpuls bis zu komplexem Denken, Intuition, Bewusstsein.
Ist THE ALL also Leben und Mind? Die Antwort ist: Ja und Nein.
Nein, wenn du darunter nur das verstehst, was du als Mensch kennst – begrenztes, individuelles Bewusstsein, an Körper und Bedingungen gebunden. Ja, wenn du darunter etwas Unendliches, Absolutes, Unbegrenztes verstehst.
Dafür steht ein Begriff: „Living Mind“ – lebendiger „Geist“. THE ALL ist „Living Mind“, in einem unendlichen, absoluten Sinn – weit jenseits dessen, was du mit deinem begrenzten Verstand erfassen kannst.
„THE ALL is Infinite Living Mind — the Illumined call it SPIRIT!“
THE ALL ist also unendlicher, lebendiger Mind – das, was die Erleuchteten „Spirit“ nennen. Kein persönlicher Gott mit Launen und Vorlieben, sondern das unendliche, lebendige Bewusstsein, das allem zugrunde liegt.
Der Mittelweg: Demut und Vernunft zugleich
Zwischen dem dogmatischen „Wir wissen genau, wie Gott ist“ und dem nihilistischen „Wir können gar nichts sagen“ liegt ein dritter Weg: Das Innere von THE ALL bleibt verhüllt. Gleichzeitig erkennst du bestimmte logische Eigenschaften. Und diese Erkenntnis kann dein Denken, Fühlen und Handeln ausrichten.
Die Vernunft sagt dir: Es muss eine grundlegende Wirklichkeit geben. Diese Wirklichkeit muss unendlich, ewig, absolut und unveränderlich sein. Sie kann nicht bloß Materie oder blinde Energie sein. Sie muss in irgendeinem Sinn Leben und Mind sein – in einer unendlichen, nicht-menschlichen Form.
Die Einladung: Dein Blick auf Wirklichkeit
Du bist nicht getrennt von THE ALL, denn es gibt nichts außerhalb von THE ALL. Gleichzeitig bist du nicht identisch mit THE ALL in seinem absoluten Sinn, denn du bist begrenzt, veränderlich, endlich – eine Erscheinung, ein Ausdruck, ein Aspekt.
Hinter allem Wandel steht eine unveränderliche Wirklichkeit. Hinter aller Vielheit steht eine Einheit. Hinter aller Mechanik steht lebendiger Mind. Und dieser Mind ist nicht klein, nicht persönlich-launisch, sondern unendlich, absolut, unbegreiflich – und dennoch in gewisser Weise erkennbar durch Vernunft und Intuition.
THE ALL ist die grundlegende, unendliche, ewige, unveränderliche Wirklichkeit, die allem zugrunde liegt. Alles, was du als Welt erlebst – Materie, Energie, Körper, Gedanken, Gefühle, Sterne, Geschichte – sind Erscheinungen, Ausdrucksformen, Manifestationen. Nicht die letzte Realität, sondern ihre Oberfläche.
Die eigentliche Einladung ist eine Verschiebung des Blicks: Weg von der Vorstellung, dass das Sichtbare das Eigentliche ist – hin zur Einsicht, dass das Sichtbare nur Oberfläche ist. Das Eigentliche ist unsichtbar. Doch unsichtbar bedeutet nicht unwirklich. Es bedeutet: tiefer.

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